Notizen vom Aventin | April–Mai 2026

Abtprimas Jeremias denkt über Pfingsten und den römischen Verkehr nach. Er freut sich über die Biennale in Venedig und verrät seine Sommerpläne.

Bild: Pieter Bruegel der Ältere – Der Turmbau zu Babel (Wien) – Google Art Project Public Domain

17 Mai 2026

Babel und seine Folgen

Pfingsten ist das Anti-Babel. Aus vielen Völkern, die durch die Sprachverwirrung getrennt sind, wird wieder ein Volk, das Volk Gottes. Ein bescheidenes Abbild davon sind die Pilger- und Touristenströme, die jetzt im Frühjahr wieder nach Rom kommen. Das Auf und Ab der Besucherzahlen messen wir in Sant’Anselmo an der Länge der Warteschlange, die auf der Piazza vor Sant’Anselmo wartet, um einen Blick durch das berühmte Malteser-Schlüsselloch zu erhaschen, samt unvermeidlichem Photo für Instagram.

Dem nagelneuen Catalogus entnehmen wir, dass unsere Konföderation derzeit in 66 Ländern verbreitet ist. Und bei uns im Haus sind immerhin 38 Nationen vertreten. Das ist schon auch eine pfingstliche Realität. Ein wenig Babel gibt es allerdings auch noch: Kulturunterschiede bleiben ja. Aber das Miteinander weitet das Herz und schleift auch ein paar scharfe Kanten ab.

Mir wurde das bewußt, als ich kürzlich über meine stadtrömische Mobilität nachgedacht habe. Das Kloster St. Georgenberg hatte mir ja im Winter 2024 einen Motorroller spendiert, den ich eifrig benutze, weil man so in dieser verstopften Stadt am schnellsten vorankommt. Vor 18 Monaten habe ich mich noch noch regelmäßig echauffiert, weil der typische römische Autofahrer den Blinker so gut wie nie benutzt, während ich selber als korrekter Deutscher jeden Richtungswechsel sorgfältig anzeige. Wenn ich doch mal mit dem Auto unterwegs war, habe ich meinen hiesigen Chauffeuren, meist junge Amerikaner im Freiwillgendienst, Vorträge übers richtige Blinken gehalten.

1 ½ Jahre später errege ich mich nicht mehr. Ich erkenne die subtilen Anzeichen dafür, dass ein Auto vor mir nach rechts oder links fahren will, oder in zweiter Reihe parken wird. Und, etwas beunruhigender, ich ertappe mich selber beim Abbiegen ohne Blinken. Mir scheint sogar, daß die römischen Autofahrer etwas mehr aufeinander achten als die deutschen. (Im Detail wird es komplizierter: statistisch ist der Verkehr in Rom gefährlicher als in München. Aber auch: Italiener leben im Schnitt 3 Jahre länger als Deutsche.)

Ich schildere das so ausführlich, weil ich das für ein Gleichnis halte. Oft genug geht es nicht um richtig oder falsch, sondern darum, dass die Kultur einfach anders ist.

Das ist vielleicht auch für unsere kirchlichen Verhältnisse wichtig. Vor 11 Jahren hat Papst Franziskus am Ende der zweiten Familiensynode davor gewarnt, immer nur mit kritischem Blick auf das zu schauen, was die anderen machen. Er meinte, dass die Aufgabe für jeden von uns, und für alle unsere Ortskirchen, immer sein müsse, das Evangelium in der je eigenen Kultur und Lebensweise tiefer zu verankern. In Deutschland und in Rom wird das recht unterschiedlich sein, oder auch in den USA mit seinen 1040 Mönchen und in Slowenien mit seinen zweien - respektive das größte und das kleinste Benediktinerland. Mit unserer Tradition der versöhnten Verschiedenheit kommen wir Benediktiner damit aber gut zurecht. Und Sant’Anselmo ist eine ideale Schule dafür, sogar eine Hochschule.

Ein weltlicher Versuch, verschiedene Stimmen aus der ganzen Welt zusammenzuführen, ist die Kunstbiennale in Venedig. Seit Jahren beteiligt sich jeweils auch der Vatikan mit einem eigenen Pavillon. In diesem Jahr hat unsere Professorin Sr. Maura Zátonyi, eine Nonne von Eibingen, an der Gestaltung des Pavillons mitgewirkt, der sich mit der großen Benediktinerin und Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen beschäftigt. Darauf sind wir hier in Sant’Anselmo ziemlich stolz.


Vor ein paar Wochen habe wir den geistlichen Pilgerweg zum Jubiläum mit einem Auftakt in Norcia eröffnet. Das Nursia-Jahr unter dem Titel “Erwachen”. Die Jubiläumswebseite jubilee.osb.org ist inzwischen freigeschaltet. Sie wird in den kommenden Monaten zunehmend mit Inhalt befüllt werden, erst von uns, und dann hoffentlich auch von den Klöstern.

Im allerletzten Teststadium befindet sich auch die neue globale Klosterübersicht unter jubilee.osb.org/monasteries. Sie wird den inzwischen völlig veralteten OSB-Atlas ersetzen, den wir in einigen Monaten abschalten werden. Für eine kurze Übergangszeit wird die neue Klosterübersicht nur die Männerklöster anzeigen. Sobald die CIB die Daten parat hat, werden dann auch die Frauenklöster integriert werden. Diese digitalen Landkarten dienen dazu, dass wir selber unsere monastische Familie besser kennenlernen. Sie sollen auch suchende Menschen auf unsere Häuser hinweisen unter dem Motto “Orte der Hoffnung”.


Nach Pfingsten beginnt der Endspurt des Anselmianer Jahres, das ja ganz vom Rhythmus der Hochschule geprägt ist.Dann wird es im Haus sehr ruhig. Für den Sommer habe ich eine Reise in die USA und nach Kanada zum Generalkapitel der Schweiz-Amerikanischen Kongregation geplant, einen Besuch in England und dann die Präsidessynode, die dieses Jahr im Kloster Gihindamuyaga in Ruanda stattfinden wird. Zuvor haben wir in Rom noch das Symposum der CIB, eine große internationale Zusammenkunft der Benediktinerinnen. Und dann beginnt das neue Studienjahr.

Noch ein Wort zum Catalogus: gleich nach Erscheinen haben wir bemerkt, dass der Klosterindex unvollständig ist. Einen vollständigen Index gibt es hier zum Ausdrucken und Einlegen.

Mit herzlichen Pfingstgrüßen vom Aventin,
Ihr und Euer
Jeremias Schröder OSB
Abtprimas

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