Das Atelier des Priors: Wie Kunst und Achtsamkeit die Führung im Europakloster Gut Aich prägen

Im Rahmen unserer Reihe über benediktinische Künstler untersuchen wir, wie Bruder Thomas Hessler OSB seine kreative Praxis in seine fortlaufende Leitung als Prior des Europakloster Gut Aich integriert.

Video mit freundlicher Genehmigung der Ordensgemeinschaften Österreich
Fotos mit freundlicher Genehmigung des Europakloster Gut Aich/Susanne Windischbauer

Auferstehungsbild im Klosterhof, Europakloster Gut Aich

5 Juli 2026

Als Teil eines fortlaufenden Blicks auf benediktinische Künstler weltweit bietet das kreative Leben von Bruder Thomas Hessler OSB ein unverwechselbares Modell dafür, wie künstlerische Praxis mit monastischer Führung verschmelzen kann. Seit seiner Wahl Ende 2024 leitet Br. Thomas als Prior des Europakloster Gut Aich in Sankt Gilgen am Wolfgangsee die jüngste benediktinische Gemeinschaft Österreichs. Anstatt seine administrativen Aufgaben und seine bildende Kunst als konkurrierende Berufungen zu betrachten, sieht er in ihnen tief integrierte Ausdrucksformen desselben monastischen Charismas, geprägt von einem Gemeinschaftsethos, das lokales Handeln mit globalem Bewusstsein in Einklang bringt.

Dieser integrierte Ansatz ist das Ergebnis eines langen und bewussten persönlichen Weges. Br. Thomas erkannte seine monastische Berufung erstmals im Alter von 14 Jahren während einer Jugendveranstaltung in der alten Barockkirche in Reichersberg am Inn. Obwohl er unmittelbar nach dem Abschluss seiner Schulausbildung in das Kloster eintrat, merkte er bald, dass dies verfrüht war. Er verließ es mit 21 Jahren, um in Salzburg und Mainz Theologie zu studieren, während er sich gleichzeitig als Heilpraktiker qualifizierte. Mit 25 Jahren kehrte er in das monastische Leben zurück, um 1993 das Europakloster Gut Aich mitzubegründen, wenngleich er weitere Phasen tieer persönlicher Suche in Bezug auf Nähe und Sterblichkeit durchlebte, bevor er im Alter von 41 Jahren seine Identität als Mönch endgültig fand. Bemerkenswerterweise entschied er sich gegen die Priesterweihe, da er mit kirchlichen Strukturen, die Frauen benachteiligen, nicht einverstanden war.

Auf Gut Aich unterhält Br. Thomas seit 1996 sein eigenes Kunstatelier und leitet seit 2011 die Kunstwerkstätten des Klosters. Sein Portfolio, das Gemälde und Glasmalereien umfasst, ist direkt in das tägliche Leben der Gemeinschaft eingewoben. In der im Kloster gelebten benediktinischen Tradition existiert die herkömmliche Grenze zwischen Arbeit und Freizeit nicht. Manuelle Arbeiten wie Waschen, Putzen, Gartenarbeit und tägliche Pflichten stehen im Gleichgewicht mit dem gemeinsamen Gebet, der stillen Meditation und den ruhigen Mahlzeiten. Br. Thomas besteht darauf, dass das monastische Leben vollkommene Achtsamkeit bei jeder Ausführung verlangt. Er lehrt, dass Mönche alle alltäglichen Werkzeuge und Gegenstände so behandeln sollten, als wären sie heilige Altargeräte.

Diese künstlerische Achtsamkeit beeinflusst direkt seine Führungsphilosophie, insbesondere darin, wie er das Spannungsfeld zwischen Schwere und Leichtigkeit meistert. Br. Thomas erkennt den Ernst der gegenwärtigen globalen Herausforderungen wie Umweltkrisen und politische Polarisierung an. Doch gestützt auf die Erkenntnisse des ältesten Mitglieds der Gemeinschaft, des 98-jährigen Bruders David Steindl-Rast, betont er die spirituelle Notwendigkeit einer spielerischen, kreativen Leichtigkeit. Um dies zu veranschaulichen, verweist er auf die Beobachtung von Br. David, dass Staubsaugen zwar einem praktischen Zweck dient, aber erst dann wahrhaft sinnvoll wird, wenn man beginnt, mit dem Staubsauger zu tanzen. Für Br. Thomas bieten Kunst und kreatives Spiel dieses wesentliche Gefühl lebensbejahender Leichtigkeit inmitten des Chaos der Welt.

Die Bewältigung der praktischen Dimensionen des Europakloster Gut Aich erfordert einen Führungsstil, der eher in Präsenz als in bürokratischer Distanz verwurzelt ist. Von einer anfänglichen Gruppe von drei Gründungsbrüdern ist das Kloster zu einer Gemeinschaft von neun Mönchen angewachsen. Diese Kerngemeinschaft leitet ein beachtliches Netzwerk von 150 Personen, darunter 40 externe Mitarbeiter, Freiwillige und Fördervereine, die das Hildegardzentrum (Ambulatorium für Physiotherapie, Osteopathie, Heilmassage und Psychotherapie), einen Klosterhofladen, eine Klostermanufaktur und die Kunstwerkstätten betreiben. Br. Thomas vertritt die Ansicht, dass ein Prior vollkommen nahbar bleiben muss, indem er traditionelle Hierarchien abbaut und routinemäßig seinen Dienst in der Küche übernimmt oder Mahlzeiten an der Seite der Mitarbeiter serviert.

Während das Kloster eine Reihe großer baulicher Entwicklungen durchläuft, die zwischen 2026 und 2028 geplant sind – darunter der Bau eines Hackschnitzelheizwerks, neuer Produktionsstätten und einer Form des betreuten Wohnens für ältere Menschen –, bleibt die Führung von Br. Thomas auf spirituelle Resilienz ausgerichtet. Die Gemeinschaft lebt nach den traditionellen Gelübden der Beständigkeit, Flexibilität und des gemeinsamen Hörens. Für Führungskräfte in der gesamten Benediktinischen Konföderation bietet die Synthese aus künstlerischer Praxis und administrativer Leitung im Europakloster Gut Aich ein überzeugendes Beispiel dafür, wie ein modernes Kloster fest in der alten Tradition verankert bleiben und gleichzeitig dynamisch auf die Welt von heute reagieren kann.

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