Österliche Notizen vom Aventin | Februar-März 2026
Abtprimas Jeremias schreibt aus Rom über den Tod und über menschliche und göttliche Ewigkeiten, über Sant’Anselmo und übers Jubiläum.
Foto: Cestius-Pyramide, Rom (zugeschnitten, angepasst) von Chabe01 - Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
4 April 2026
Vergängliches und Ewiges
Hier in Rom wird Memoria ja besonders intensiv gepflegt – gerne durch Bauten oder wenigstens Marmortafeln. Geschichte und Ruhmestaten vergangener Generationen sind allgegenwärtig: Päpste und Cäsaren, der Duce ebenso wie einfache Römer von der Antike bis heute. Das Streben nach Ewigkeit erzeugt, paradoxerweise, ein Bewusstsein von Vergänglichkeit. Ein paar hundert Meter von hier entfernt liegt der englische Dichter Percy Bysshe Shelley begraben. Der hat die Hinfälligkeit des menschlichen Strebens nach Unvergänglichkeit in seinem Sonett „Ozymandias“ ins Wort gehoben. Sein Grab liegt im Schatten im protestantischen Friedhof bei der Cestius-Pyramide. Die ist ja auch so ein Versuch, Unsterblichkeit mit menschlichen Mitteln zu erringen: das Grabmal für einen hohen Beamten aus der Zeit Kaiser Augustus. Immerhin, 2000 Jahre später spricht man noch von beiden.
Meine Ostererinnerungen der letzten Jahre sind stark geprägt vom Tod von Papst Franziskus am Ostermontag des vergangenen Jahres und vom Tod von Abtprimas em. Notker Wolf, dem ich sehr nahestand. Die Nachricht von dessen völlig überraschendem Sterben am Osterdienstag 2024 traf den damals gerade tagenden Salzburger Äbtekonferenz wie ein Schlag.
Mit diesem Themenkreis von Tod, Auferstehung und ewigem Leben geht unsere christliche Tradition recht vielgestaltig um. Die christliche Lehre hierzu ist so facettenreich, dass sich auch schon Päpste darin verheddert haben, so Johannes XXII. im 14. Jahrhundert. Mir genügt der Osterglaube, wie er sich in den Evangelien niedergeschlagen hat – kein „ausgeklügelt Buch“, sondern Zeugnisse: vom leeren Grab über Thomas bis zur Erscheinung am See.
In Sant’Anselmo haben wir zu Beginn des Triduums immer einen besonderen Gast. Nach altem Brauch kommt unser Titelkardinal und steht der Messe „In Coena Domini“ vor. Der jetzige Inhaber unserer Titelkirche, Kardinal Baldisseri, macht das immer noch mit viel Verve und Energie. Nur die Fußwaschung ist für den 85-jährigen Purpurträger etwas viel. Da schlägt dann die Stunde des Abtprimas.
Schon öfter durfte ich in NEXUS ein wenig jammern, dass uns hier in Sant’Anselmo die besten Leute oft recht plötzlich abhanden kommen, wenn sie Obere ihrer Heimatklöster werden. In meiner kurzen Amtszeit geschah dies nun schon zum vierten Mal, als vor zwei Wochen P. Karol Cetwiński zum Prior Administrator von Tyniec ernannt wurde. Der war – das ist anders als sonst – noch Student, aber auch schon Leiter unserer Schola und beauftragt mit dem neuen Programm für gregorianischen Choral. Es fällt uns nicht leicht, auf ihn zu verzichten, so kurz vor Ostern. Aber wir wissen auch, dass das gute Entscheidungen sind: Es werden ja unsere besten Leute geholt, weil sie zu Hause wirklich gebraucht werden und dort wichtige Aufgaben übernehmen. Und die Jahre in Sant’Anselmo haben ihnen allen einen weiteren Horizont verschafft, der für die Leitungsaufgaben zu Hause sicher kein Fehler ist. Von daher gehen unsere besten Wünsche auch mit P. Karol und zu seiner Gemeinschaft in Polen.
Kürzlich nahm ich die Protokolle des Äbtekongresses von 1992 in die Hand. Beim Durchlesen stolperte ich über eine beiläufige Bemerkung des damaligen Abtprimas Viktor Dammertz: er habe in seiner 15-jährigen Amtszeit rund 700 Klöster besucht. Da habe ich gestaunt und gedacht: das wird mir sicher nicht gelingen! Ich bin froh, wenn ich an den meisten Regionaltreffen der Oberen teilnehmen kann: Zuletzt war ich in Südafrika bei der BECOSA und in Dakar bei den französischsprachigen Brüdern und Schwestern unseres Ordens. Nach Ostern geht es zur Salzburger Äbtekonferenz der deutschsprachigen Äbte, dann kommen die Versammlungen der italienischen Äbte und etwas später der Äbtissinnen, und dann noch die Union Monastischer Oberen von Großbritannien. Diese Begegnungen machen mir große Freude, und – noch wichtiger - sie bieten die Möglichkeit zu guten Gesprächen, mit der ganzen Versammlung und oft auch mit einzelnen Oberinnen und Oberen. Ich sage mal etwas forsch: Ladet mich ein! Wenn irgend möglich, komme ich.
Neben meinen Reisen zu den Äbtetreffen habe ich auch noch ein paar Spezialaufträge vom Heiligen Stuhl bekommen, die mich gelegentlich zum Reisen zwingen. Bislang sind die Abwesenheiten verkraftbar, weil das Haus hier in guten Händen ist. Prior Brendan leitet die Hausgemeinschaft, Rektor Jákó die Hochschule. Viele andere helfen mit, dass Sant’Anselmo gut läuft, Gott sei Dank!
Vor zwei Wochen haben wir die Konföderation und die CIB zum ersten Mal etwas detaillierter über das „Benediktinische Jubiläum: Orte der Hoffnung seit 529“ informiert. Die Webseite jubilee.osb.org wird in den nächsten Monaten mit mehr Inhalt gefüllt werden. Sie soll die zentrale Plattform für das weltweite Jubiläum werden. In der Vorbereitung auf dieses Jubiläum soll 2026 unter dem Thema „Erwachen“ stehen, das wir besonders mit Nursia verknüpfen: der Ort, an dem Benedikt und Scholastika auf die Welt kamen, wo sie getauft wurden, wo sie den christlichen Glauben in der Familie kennengelernt haben. Da lässt sich über vieles nachdenken! Am 25. April wird dieses „Nursia-Jahr“ unter dem Thema „Erwachen“ vor Ort offiziell eröffnet werden.
Unsere benediktinische Tradition hat viele großartige Denkmäler entstehen lassen. Aber das eigentliche Erbe, das wir Benedikt verdanken, sind keine Grabmäler oder Pyramiden. Es ist eine lebendige Tradition, die in die Zukunft weist und uns Hoffnung gibt.
Mit diesem Osterwunsch bin ich
Ihr und Euer
Jeremias Schröder OSB
Abtprimas

