3 Oktober 2026
An den Wurzeln Europas:
Notizen vom Aventin und dem Rest der Welt
In den letzten Monaten habe ich immer wieder darüber nachgedacht, wie wir Benediktiner damit umgehen sollen, dass unser Ordensvater Hauptpatron Europas ist, während unsere Klöster sich heute auf allen Kontinenten befinden und sich jenseits von Europa oft besser entwickeln als hier auf dem Alten Kontinent.
Diese Frage hat mich schon als Präses der Missionsbenediktiner beschäftigt, und erst recht jetzt, als Primas unserer ganzen Konföderation.
Mitten hinein in dieses Nachdenken platzte nun der Frankreichbesuch von Papst Leo, der am 28. September mit einem europäischen Paukenschlag in Metz endete. Papst Leo sprach hier zunächst einmal über den Frieden: Metz war im Mittelalter eine deutsche Reichsstadt, wurde in der frühen Neuzeit französisch und war von 1871 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs noch einmal deutsch, bevor die Stadt wieder ein Teil Frankreichs wurde. Das Leid der Kriege zwischen Frankreich und Deutschland hat sich in diese Stadt und die Region tief eingeschrieben. Der Papst erinnerte auch an das große Friedenswerk nach dem Zweiten Weltkrieg, das schließlich zur Schaffung der Europäischen Union führte. Deren Gründerväter Robert Schuman, Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi waren Männer, deren politisches Denken stark von ihrem christlichen Glauben geprägt war. Der Abt von Maria Laach, der in Metz zugegen war, erinnerte uns daran, dass alle drei sein Kloster besucht hatten. Robert Schuman war auch mit Ligugé und En-Calcat verbunden.
Papst Leo sprach dann noch einmal ausführlich über die Rolle des Heiligen Benedikt für Europa, und seine Worte verdienen zitiert zu werden:
Um diese lange Geschichte zu verstehen, darf jedoch ein weiterer Vater Europas nicht unerwähnt bleiben: der heilige Benedikt, den der heilige Papst Paul VI. 1964 zum Schutzpatron Europas erklärte und als »Boten des Friedens, Baumeister der Einheit, Lehrmeister der Zivilisation« [1] bezeichnete. Die Hilfe für die Armen, die Kranken und die Alten; die Erziehung der Kinder und die Universitäten; die Krankenhäuser und die Medizin; die Architektur und das Ingenieurwesen; die Entwicklung der Wissenschaften; das Recht und die Organisation der Städte und der Staaten selbst: So vieles in Europa wurde vom heiligen Benedikt und seinen Mönchen tiefgreifend beeinflusst! Ohne diese monastische Kultur gäbe es die europäische Zivilisation, wie wir sie kennen, nicht. Hier in Metz herrschte dank des Wirkens unter anderem des heiligen Chrodegang ein benediktinischer Geist der Brüderlichkeit, der Gemeinschaft und des Teilens. Von hier aus verbreitete sich der gregorianische Gesang in den karolingischen Gebieten und brachte Harmonie und Schönheit auf den gesamten Kontinent.
Um diese benediktinische Dimension zu veranschaulichen, wurden Benediktineräbte, Äbtissinnen und Priorinnen aus Frankreich, Deutschland und Luxemburg nach Metz eingeladen. Ich selber konnte ebenfalls teilnehmen. Wir verdanken das der Initiative von Kardinal Aveline, dem Erzbischof von Marseille und Vorsitzenden der französischen Bischofskonferenz, der in seiner kurzen Ansprache noch eins draufsetzte und darauf hinwies, dass die frühen Zisterziensermönche bereits ein paneuropäisches Netzwerk geschaffen hatten, dessen Generalkapitel er als einen Vorläufer des Europäischen Parlaments beschrieb.
Das waren erhebende Worte, aber für mich waren sie mehr als eine historische Würdigung. Sie halfen mir auch bei der Frage weiter, die mich seit längerem beschäftigt. Wir dürfen mit Dankbarkeit und auch mit einem gewissen Stolz auf eine Ordenstradition zurückblicken, die einen ganzen Kontinent geprägt hat. Gerade diese Tradition hat aber nie an den Grenzen Europas haltgemacht.
Letzteres wurde mir im September noch einmal deutlich, als ich die Gemeinschaften von Gihindamuyaga und Sovu in Ruanda und von Ndanda in Tansania besuchen durfte: große Konvente von Mönchen, Nonnen und Schwestern, in denen die europäischen Gründergenerationen inzwischen einheimischen Ordensleuten Platz gemacht haben. Fast alle der von Papst Leo angesprochenen Dimensionen des klösterlichen Dienstes an Kirche und Gesellschaft finden sich in diesen Häusern, von Seelsorge, Schulen und Krankenhäusern über geistliche Vertiefung bis hin zur Ästhetik von Gebäuden und Musik, die in der würdigen Feier der Liturgie ihren Gipfel erreicht. Benedikt gehört zu den Vätern Europas, aber er gehört nicht Europa. Der Hauptpatron Europas ist zugleich der Patriarch einer weltweiten monastischen Bewegung, die heute auf allen Kontinenten lebendig ist und Frucht bringt.
Die Besinnung Europas auf seine christlichen und monastischen Wurzeln geht weiter. Ein kleines Zeichen dafür wird am 20. Oktober eine Zeremonie im Europäischen Parlament in Straßburg sein, bei der ein Versammlungssaal dem heiligen Benedikt gewidmet wird. Der Nuntius bei der Europäischen Union und auch ich werden daran teilnehmen.
Die Regel Benedikts, entstanden in einer Zeit der gewalttätigen Umbrüche und Veränderungen, ist voller Botschaften für unsere turbulente Zeit. Ich will nur eine nennen: Benedikt beschreibt ein Leben sub regula vel abbate unter Regel und Abt. Die Regel kommt zuerst, und dann erst die personale Autorität des gewählten Leiters. Darin steckt auch eine politische Weisheit: nicht die Macht darf das letzte Wort haben, sondern eine Ordnung, der auch derjenige untersteht, der Autorität ausübt. Autorität steht im Dienst dieser Ordnung – und beide sollen letztlich dazu helfen, dass Menschen in Freiheit ihrem tiefsten Lebensziel entsprechen können.
Und das gilt sicher nicht nur für Europa.

