9 Juli 2026
Vor einigen Monaten bekam ich als Reaktion auf das Jubiläumsthema “Orte der Hoffnung seit 529” eine Email von Mitbrüdern, die mich baten, auch einmal über “Hoffnung ohne Hoffnung” zu schreiben. Sie hofften auf ein Wort für die Gemeinschaften, deren Geschichte absehbar zu Ende geht. Und das sind ja auch in unserem Orden nicht wenige.
Dass Klostergemeinschaften untergehen, gehört zur Geschichte. Wir wissen das natürlich, aber wir verdrängen es manchmal. Kürzlich blätterte ich im Monasticon Italiae und stellte fest, dass es in Rom zu verschiedenen Jahrhunderten ingesamt rund 170 benediktinische Klöster gegeben hat. Derzeit sind es rund zehn!
Wir freuen uns natürlich, und sind nicht wenig stolz, dass es einige Klöster mit einer echten mehr als tausendjährigen Geschichte gibt. Aber auch die Klöster, die es nicht mehr gibt, waren wichtig. Dort haben Brüder und Schwester jahrzehnte- oder jahrhundertelang ihren Glauben und ihe Gelübde gelebt, mit ihrem Gebet die Zeit und das Land geprägt und auf ihre Umwelt ausgestrahlt,
Endlichkeit und Sterblichkeit gehören zum menschlichen Leben dazu. Die Regula ermahnt uns ja, den eigenen Tod täglich vor Augen zu haben. Das ist erstmal für jeden Einzelnen gesagt. Aber auch den Klöstern ist ja kein ewiges Leben verheißen, anders als der Kirche als Ganzer. Benedikt selbst hat die Zerstörung von Montecassino vorausgesehen. Ein Fresko in Montecassino zeigt ihn mit Tränen im Gesicht angesichts der Vision des zerstörten Klosters.
Der Untergang eines Klosters ist nicht nur eine Katastrophe oder ein Scheitern. Er ist vor allem auch eine Aufgabe, die gestaltet werden muss. Was soll bleiben? Was kann man vom Erbe des Klosters weitergeben, und wie? Wie kann man den Brüdern oder Schwester helfen, bis zuletzt ihrer Berufung treu zu bleiben?
Ich will das nicht verharmlosen. Da gibt es Schmerz und oft wohl auch den nagenden Zweifel: Was haben wir falsch gemacht? Zum Loslassen als Tugend gehört auch, dass man sich von diesen Fragen lösen kann. Es ist die Stunde des Nunc Dimittis, und zwar österlich gedacht.
Wichtig ist dabei auch die Unterscheidung der Geister. Wann soll eine Gemeinschaft wirklich ernsthaft ihr Ende vorbereiten? Wenn man nur noch von den Umständen getrieben wird, ist es zu spät. Dann wird es oft elend, oder man wird zur Karikatur oder einem Spielball der Medien, wie das zuletzt einem Nonnenkloster in Österreich widerfahren ist.
Ich bin allerdings auch gegen das zu frühe Aufgeben. Klöster, die eigentlich noch Kraft haben, aber in vielleicht etwas falsch verstandener Schicksalsergebenheit selber schon den Weg in die Zukunft versperren. Man soll der Gnade Gottes immer noch ein Schlupfloch offen lassen.
Es gibt die schöne Geschichte von Sigebert Buckley, dem letzten Mönch von Westminister Abbey, des letzten englischen Klosters. Der Neuzigjährige, der seinen Lebensabend nach der Aufhebung des Klosters im Hausarrest verbringen mußte, kleidete im Jahr 1607 zwei junge Engländer ein, die zur Keimzelle der Erneuerung der Englischen Benediktinerkongregation wurden. Man wird mit so etwas nicht rechnen können, aber das Succisa Virescit, dieses Motiv unserer Ordenstradition mit dem Baumstumpf aus dem ein neuer Zwei erwächst, hat mehr als einmal neue Blüten aus sehr wenigversprechenden Abbrüchen und Übergängen wachsen lassen. Mögen Klöster auch untergehen, das benediktinische Leben trägt viel Vitalität in sich und wird in unserer Kirche noch gebraucht. Darum ist mir um die Zukunft unseres Ordens auch nicht bange.
In Montecassino befindet sich gegenüber dem Fresko mit dem weinenden Benedikt ein anderes Bild: die Vision vom Heimgang der heiligen Scholastika. Neben dem Fortbestehen oder auch dem Untergang unserer klösterlichen Gemeinschaften steht immer auch der Einzelne. Unsere benediktinischen Lebenswege sind eng mit unseren Klöstern und Gemeinschaften verwoben, aber wir bleiben eben auch “monachos”, Einzelne, Personen, Individuen, die auf dem Weg zu Gott sind. Das ist das tiefste Geheimnis unseres Lebens, vor dem auch die Geschicht unserer Institutionen an Bedeutung verliert, so wichtig und bewegend das auch sein mag. Hier hat die tiefste Hoffnung ihren Platz, und hier gilt vielleicht auch mehr als bei der Klostergeschichtsschreibung die Sentenz Benedikts: An der Barmherzigkeit Gottes nie verzweifeln. Das klingt wie ein Gebot, aber es ist eigentlich eine Verheißung, und der tiefste Grund unserer Hoffnung.
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Anfang Juli war ich mit einigen Mitbrüdern und Schwestern in Rußland. Diese Reise, die unter schwierigen Vorzeichen stand, war ganz monastisch ausgerichtet: es ging um die Begegnung mit Mönchen und Nonnen, die kaum noch internationale Kontakte haben. Als ich zurückkam, waren unsere Studenten schon fort, und auch die letzten Professoren brechen nun in ihre Klöster auf. Zurück bleibt eine kleine Kerntruppe, die das Leben und Gebet im Haus aufrechterhält und die verschiedenenen Sommerprogrramme – Oblatenstudium, Leadership-Kurs, Sabbatical – begleitet. Ich selber werde ein paarmal in Deutschland und Österreich sein, aber zu einem kurzen Urlaub reicht es erst im Herbst. Vorher begehen wir hier in Rom noch das Symposium der CIB, und dann Mitte September in Ruanda die Präsidessynode. Dann sind es schon zwei Jahre seit dem Äbtekongress, bei dem ich gewählt wurde - Zeit für eine Zwischenbilanz.
Vielerorts sind jetzt Ferien, und ich wünsche allen ein paar Wochen, die etwas geruhsamer sind als der übliche Jahreskreis. Unter uns Benediktinern ist es ja kein Geheimnis, dass wir als Kinder des 21. Jahrhunderts eben auch die Rhythmen unserer Zeitgenossen miterleben. Hoffentlich etwas maßvoller als viele andere, damit wir auch darin “Orte der Hoffnung “ sein können, seit 529.
Mit frohem Gruß aus Rom
Jeremias Schröder OSB,
Abtprimas

