Berufungen in benediktinischen Klöstern: Einblicke aus einer Masterarbeit
Eine bei Sant’Anselmo vorgestellte Studie untersucht, wie benediktinische Gemeinschaften in Deutschland, Österreich und der Schweiz dem demografischen Wandel durch Identität, Gemeinschaftsleben und anpassende Innovationen begegnen.
24 September 2026
Während der 11. Abhaltung des Kurses „Leadership and the Rule of Saint Benedict“, der vom 6. bis 17. Juli in Sant’Anselmo stattfand, präsentierte Karin Mannhart zentrale Ergebnisse ihrer Masterarbeit, die sie im Frühjahr 2026 an der Universität St. Gallen (Schweiz) eingereicht hatte. Die Arbeit untersucht den Rückgang der Berufungen in benediktinischen Klöstern im deutschsprachigen Europa. Sie beleuchtet die Gründe für diesen Rückgang, seine Auswirkungen auf die klösterlichen Gemeinschaften und wie diese darauf reagieren, wobei ein besonderer Fokus auf Innovationen liegt. Die Forschung basiert auf Interviews mit Mönchen und Nonnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.
In den Interviews wurden Säkularisierung, Individualisierung und der demografische Wandel als Hauptgründe für den Rückgang identifiziert. Infolgedessen kommen immer weniger Menschen mit der Kirche und dem Ordensleben in Kontakt. Traditionelle Wege zu einer religiösen Berufung, die oft durch kirchliches Engagement oder familiären Einfluss begannen, werden seltener, während direkte Übergänge aus Klosterschulen weitgehend verschwunden sind. Diese Entwicklung steht im Gegensatz zu einer wachsenden Nachfrage nach klösterlichen Angeboten wie geistlicher Begleitung, Beratung oder Kurzaufenthalten in Klöstern.
Weniger Berufungen bedeuten eine höhere Arbeitsbelastung für alle Mitglieder der Gemeinschaft. Gleichzeitig steigt der Anteil älterer Mönche und Nonnen, was oft zusätzliche externe Unterstützung und finanzielle Ressourcen erfordert, um die Aufgaben zu bewältigen. Mehrere Interviewpartner berichteten, dass unter diesem Druck Bereiche leiden können, die das Herzstück des benediktinischen Lebens bilden: das persönliche Gebet, die Lectio divina und das Gemeinschaftsleben. Die Frage der Berufungen betrifft daher nicht nur die Zukunft einzelner Klöster, sondern auch die Weitergabe der benediktinischen Spiritualität und der klösterlichen Lebensform.
Angesichts dieser Entwicklungen kristallisierte sich ein klares Profil als Eckpfeiler einer wirksamen Antwort heraus. Gemeinschaften, die wissen, warum sie existieren und wofür sie stehen, und dies klar kommunizieren, sind leichter zu finden und zu verstehen. Ein starkes Profil stärkt nicht nur die Außenwahrnehmung einer Gemeinschaft, sondern hilft ihr auch, ihre begrenzten Ressourcen gezielter einzusetzen und klare Prioritäten zu setzen. Gleichzeitig bleibt die Qualität des Gemeinschaftslebens essenziell, da Authentizität für Besucher sichtbar ist. Offenheit erfordert zudem klare Grenzen: Gemeinschaften müssen Räume für Klausur, Gebet und Erholung schaffen und schützen, damit die Anpassung an neue Umstände nicht auf Kosten der Basis des klösterlichen Lebens geht.
Darauf aufbauend stellt sich die Frage, was Gemeinschaften anbieten können. Gästeprogramme, Veranstaltungen und Begegnungsmöglichkeiten können Interessierten einen ersten Kontakt zum Klosterleben ermöglichen. Veranstaltungen wie der Weltjugendtag, Jugendgruppen und Oblatengruppen können besonders wirksame Wege sein, um Aufmerksamkeit zu wecken. Auch neue Formen der Zugehörigkeit können eine Rolle spielen, etwa gemeinschaftliche Wohnformen auf dem Klostergelände und Programme, die sich gezielt an junge Menschen oder Familien richten. Wichtig ist, dass solche Initiativen zum Profil der jeweiligen Gemeinschaft passen und nicht isoliert von ihrer Identität entwickelt werden.
Ebenso wichtig ist, die Art und Weise wie Gemeinschaften Menschen erreichen und den Dialog mit ihnen pflegen. Websites und soziale Medien können einen ersten Einblick in das Klosterleben gewähren. Der persönliche Austausch bleibt jedoch zentral – innerhalb der Gemeinschaft, mit Interessierten und Menschen, die ihre Berufung prüfen, sowie zwischen den Klöstern. Intern ist ein solcher Austausch unerlässlich, um die Qualität der Gemeinschaft zu wahren, indem er den Mitgliedern hilft, unterschiedliche Perspektiven und Bedürfnisse zu erkennen und gemeinsam über notwendige Veränderungen nachzudenken. Begegnungen mit Menschen außerhalb des Klosters können den Gemeinschaften zudem helfen zu verstehen, wie sie von anderen wahrgenommen werden, zu reflektieren, wie gut sie mit der Welt verbunden bleiben, und zu identifizieren, welche Initiativen und Angebote junge Menschen ansprechen.
Innovation ist entscheidend für die Zukunft klösterlicher Gemeinschaften: bestehende Praktiken zu erneuern und sich an ein verändertes Umfeld anzupassen, ohne die eigene benediktinische Tradition und Spiritualität aufzugeben. Die Forschung zeigt, dass erfolgreiche Innovation selten aus radikalem Wandel entsteht. Stattdessen wächst sie oft aus einer erneuten Auseinandersetzung mit der Tradition und Identität einer Gemeinschaft, gepaart mit der Bereitschaft, bestehende Praktiken zu überprüfen, Elemente neu zu kombinieren und neue Ansätze zu erproben. Beispiele hierfür sind eine engere Zusammenarbeit der Klöster in der Noviziatsausbildung, die es den Gemeinschaften ermöglicht, Ressourcen und Erfahrungen zu teilen. Dazu können auch neue Formen der Zugehörigkeit gehören, wie etwa Co-Living-Modelle mit einer anderen Gemeinschaft auf dem Klostergelände. In manchen Fällen erfordert Innovation auch die bewusste Entscheidung, bestehende Aktivitäten einzustellen – etwa eine Klosterschule mit stark rückläufigen Schülerzahlen oder bestimmte Kurse –, um Ressourcen für neue Initiativen freizusetzen. Gemeinschaften brauchen daher auch den Mut, Vertrautes loszulassen und aus Erfahrungen zu lernen – auch aus Versuchen, die nicht sofort erfolgreich waren.
Die 12. Ausgabe des LRB-Programms findet vom 4. bis 16. Juli 2027 statt. Unser LRB-Direktor, Pater Paul Tobler, beantwortet gerne Ihre Fragen. Sie können ihm eine E-Mail an lrb@anselmianum.com schreiben.














