Notizen vom Aventin | November–Dezember

Abtprimas Jeremias macht sich Gedanken über den Auftrag der Katholiken in einer sich dramatisch verändernden Welt und kündigt einige Zukunftsprojekte an. Dazu gibt es einen Werbeblock für SantAnselmo und einen Ausblick auf seine nächsten Reisepläne.

Foto des großen Wandbildes der Benediktinischen Konföderation im Kreuzgang von Sant’Anselmo, geschaffen von Claudio Lavallen OSB von der Abtei Kremsmünster.

6 Januar 2026

Ich schreibe diese Zeilen am Epiphanietag. Das Heilige Jahr endete heute, und gleichzeitig beginnt hier in Rom eine Kardinalsversammlung, auf der Papst Leo vermutlich einige Leitgedanken seines Pontifikats diskutieren wird. Wir sind recht gespannt!

Die politischen Ereignisse der letzten Tage haben noch einmal deutlich gemacht, dass wir an einer Zeitenwende stehen. Was wird die Rolle von uns Katholiken sein? Wir sind überall treue Staatsbürger, aber wir sind auch Bürger des Himmelreichs. Das Epiphaniefest erinnert uns daran, dass die Botschaft des Evangeliums allen Menschen gleichermaßen gilt. In einer Zeit, in der Universalismus schon fast zum Unwort geworden ist, halten wir daran fest, dass mit der Menschwerdung Gottes alle Menschen gemeint waren, gemeint sind. Das ist kein Nebenthema, sondern ein zentraler Inhalt unseres Glaubens.

In der Liturgie singen wir heute “Tribus Miraculis” – über die drei Mysterien. Die Menschwerdung, die Hochzeit von Kanaa und die Taufe Jesu werden ja zusammengedacht. Die Kirchenväter erklären, wie bei der Taufe Jesu im Jordan die ganze Welt geheiligt wurde. Das Taufwasser Jesu hat sich vermischt mit dem Wasser der Karibik, mit dem chinesischen Meer und auch mit den Flüssen, die Rußland und die Ukraine durchqueren. Christentum ist nicht parteiisch, es geht aufs Ganze und gilt Allen.

Was heißt das für uns? Hier im Anselmianum wohnen zur Zeit Kollegsbewohner aus 36 Ländern, und unsere Klöster sind in fast allen Ländern der Erde beheimatet. Sind wir, können wir Agenten dieser Botschaft sein, dass die ganze Menschheit zur Geschwisterlichkeit aufgerufen ist, und dass alle Gesellschaften dem Gemeinwohl zu dienen haben, nicht nur einem kleinen Zirkel? Das klingt heute fast schon subversiv. Aber es ist ja keine Geheimbotschaft: an Epiphanie ist sie ja für alle sichtbar geworden.

Der Papstbesuch am 11. November, über den im letzten Nexus schon so ausführlich die Rede war, hat noch etwas bei uns nachgeglüht. Hochschulgeneralsekretär Cardinali stellte ein Gedenkbüchlein zusammen, das rechtzeitig zu Weihnachten fertig wurde und viele gefreut hat. Aufmerksame Augen haben bemerkt, dass Papst Leo bei einem der Weihnachtsgottesdienste die Mitra trug, die er nach seinem Besuch bei uns geschenkt bekommen hat. Ihm, oder wenigstens seinem Sakristan, hat sie wohl wirklich gefallen.

Einige Dinge, über die ich heute schreiben kann, sind eher Ankündigungen als Berichte.

Im November konnte ich Altabt Jean-Pierre Longeat von Ligugé, den langjährigen Präsidenten der AIM, zu meinem Delegierten für die Benediktinischen Oblaten ernennen. Im vergangenen Herbst wurde deutlich, dass die Oblaten weiterhin die globale Zusammenarbeit pflegen und weiterentwickeln wollen und dass auch die Weltoblatenkongresse weitergeführt werden sollen. Ich bin Abt Jean-Pierre dankbar, dass er dies in die Hand nimmt. Natürlich kann er das nicht allein tun. Ein Unterstützungsteam wird zur Zeit konstituiert, und demnächst wird es darüber mehr zu berichten geben.

Den gleichen Satz – “demnächst mehr” – kann man auch zum lang erwarteten neuen Catalogus sagen. Seit dem Stichtag 1. Januar 2025 ist nun schon mehr als ein Jahr vergangen. Die Datenerhebung war unerwartet schwierig, aber wir sind nun in der Zielgerade. Eine letzte Revision ist in Arbeit, und recht bald wird es möglich sein, den gedruckten Schematismus zu beziehen. Eine kompletten elektronischen Schematismus wird es aus datenschutzrechtlichen Gründen wohl nicht geben, aber das Datenmaterial wird in anderer Weise als neuer Atlas OSB und mit Statistiken zugänglich werden.

Und gleich noch eine Ankündigung: die Vorbereitungen zum Benediktinischen Jubiläum 529-2029 laufen auf Hochtouren. Spätestens im März sollen die Planungen und auch die Jubiläumsmaterialien veröffentlicht werden.

In den letzten Tagen ist mir wieder bewusst geworden, wie viele Möglichkeiten Sant’Anselmo bietet. Neben unseren hauseigenen Studien können die Bewohner des Kollegs zahlreiche Spezialprogramme hier in Rom wahrnehmen. Die meisten dieser Programme können mit anderen Studien kombiniert werden: Archivistik im vatikanischen Geheimarchiv, Kirchenrechtspraxis für Ordensleute im Dikasterium fürs Geweihte Leben, den Kurs für Selig- und Heiligsprechungen im einschlägigen Dikasterium. In Sant’Anselmo bieten wir ab diesem Jahr für Kollegsbewohner einen Vertiefungskurs Gregorianischer Choral an, mit externen und internen Dozenten. Und unser Bibliotheksdirektor offeriert ein einjähriges Praktikum in der hiesigen Bibliothek, mit externen Modulen in der Vatikanischen Bibliothek und in der Italienischen Nationalbibliothek. Wer in Sant’Anselmo studiert, wird nicht nur philosophisch-theologisch, monastisch oder liturgisch geschult. Bei entsprechendem Interesse und Einsatz kann er als vielseitig geformter Ordensmann in sein Kloster zurückkehren.

Nicht jeder hat ein ganzes Jahr Zeit. Im kommenden Sommer bieten wir wieder drei englischsprachige Programme an: Leadership und die Regel des Hl. Benedikt, das Sommerstudium für Oblaten, und Monastic Aggiornamento, ein kurzes Sabbatical-Angebot mit Inhalten zu Glaube, Kultur und monastischer Tradition.

In den kommenden Monates sind mehrere internationalen Benediktinertreffen geplant, an denen ich teilnehmen will. Ich reise zur ISBF in Kappadu (Indien), zum Workshop der nordamerikanischen Äbte in Mexico, zum Treffen der BECOSA in Südafrika und zur Versammlung der westafrikanischen Benediktiner im Senegal. Außerdem sind kurze Aufenthalte in Chevetogne und im Heiligen Land geplant. Es ist also gar nicht so leicht, mich hier in Rom anzutreffen, aber per email bin ich wohl immer erreichbar.

Einige haben mitbekommen, dass ich im November nach einer Knieverletzung eine Zeitlang an Krücken gehen mußte. Durch Physiotherapie und einen erholsamen Urlaub im Dezember ist jetzt aber alles wieder in Ordnung. Die Krücke ist verräumt und ich bin wieder beweglich und reisebereit. Mit inzwischen 61 Jahren gehöre ich nicht mehr zu den Jungen, vor allem nicht hier in diesem Haus. Aber so lange der Bruder Leib weiter mitmacht, bin ich guter Dinge und Ihnen allen nach Kräften zu Diensten.

Mit herzlichen Grüßen vom Aventin

Ihr und Euer

Jeremias Schröder OSB,
Abtprimas

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