Eine kurze Geschichte des Benediktinerordens
Traditionell gilt das Jahr 529 n. Chr. als das Jahr, in dem der Heilige Benedikt das Kloster in Montecassino gründete. Er starb und wurde dort um 547 begraben. Einige Jahrzehnte später wurde das Kloster zerstört und lange Zeit nicht wieder aufgebaut. Die monastische Gemeinschaft und die lebendige Tradition Benedikts schienen verschwunden zu sein.
Die Verbreitung der Regel
Kopien seiner Regel überlebten jedoch in römischen Bibliotheken. Um 594 lobte Papst Gregor der Große diese Regel und ihren Verfasser, was die Popularität beider steigerte. Als Nächstes findet sich die Regel in einigen Klöstern in Südgallien (dem heutigen Frankreich) und anderswo, wo sie normalerweise vom Abt zusammen mit Regeln anderer monastischer Väter verwendet wurde, um ihn bei der Führung der Gemeinschaft zu unterstützen. Im frühen 8. Jahrhundert verkünden Mönche aus England stolz, dass sie nur der Benediktsregel folgen – die ersten echten „Benediktiner“. Sie verbreiten diese Regel durch ihre Mission in Kontinentaleuropa weiter, und schließlich erklärt eine wichtige Synode 816/17 die Benediktsregel für alle Mönche als bindend. Im gesamten Karolingerreich, das das heutige Frankreich, Belgien, Holland, die Schweiz, Deutschland sowie Teile Italiens und Österreichs umfasst, unterstehen nun Hunderte von Mönchs- und Nonnenklöstern der Benediktsregel. Gleichzeitig wird die Observanz dieser Klöster vereinheitlicht, selbst in Gebieten, in denen die Regel Details dem Ermessen des Abtes überließ. Im lateinischen Westen ist das Ordensleben nun größtenteils benediktinisch. Die Klöster werden zu wichtigen Zentren des religiösen Lebens, aber auch der politischen Verwaltung, der wirtschaftlichen Entwicklung und der Gelehrsamkeit, sowohl theologisch als auch weltlich. Bücher werden geschrieben und kopiert in den Skriptorien (Schreibstuben) der Klöster, und Klosterschulen bilden den Klerus und die herrschende Elite aus. Die Mönche widmen sich hauptsächlich dem liturgischen Gebet, dessen Umfang allmählich zunimmt. Die Klöster besitzen Bauernhöfe und manchmal ganze Dörfer, deren Bauern die Mönche mit einem Teil ihrer Erzeugnisse versorgen. Im neunten Jahrhundert beginnt das Papsttum, einige Klöster vor der Einmischung von Adligen und lokalen Bischöfen zu schützen. Cluny in Burgund, 910 gegründet, etabliert schließlich eine riesige Familie von Klöstern unter einem Abt. Im 12 . Jahrhundert gehörten ihr mehrere hundert Häuser an.
Verfall und Reformen
Der Reichtum und die soziale Rolle der Klöster ziehen auch Kritik auf sich, und mehrere Reformbewegungen versuchen, zu einfacheren Lebensweisen und einem ursprünglicheren Verständnis der Benediktsregel zurückzukehren. Die Zisterzienser haben den größten Einfluss. Innerhalb kurzer Zeit werden mehrere hundert Klöster der „weißen Mönche“ gegründet, die als klar definierter Orden mit einer effizienten Organisation etabliert sind, die vereinheitlichende Elemente wie das Generalkapitel aller Äbte und klare gemeinsame Prinzipien mit lokaler Autonomie und Aufsicht durch Visitationen in Einklang bringt.
In den Jahren 1215 und 1336 versucht das Papsttum, den verbleibenden „schwarzen“ Benediktinern eine ähnliche Struktur zu geben, zunächst mit wenig Erfolg. Inzwischen hat sich das Leben in Europa vom Land in die Städte verlagert. Neuere Orden wie die Franziskaner und Dominikaner reagieren auf die spirituellen und intellektuellen Bedürfnisse der Stadtbewohner. Obwohl Benediktiner weiterhin in ganz Europa zu finden sind, sind sie nicht länger die Hauptakteure des religiösen Lebens.
Ab dem 15. Jahrhundert an, versuchen Klöster, sich durch die Bildung von Kongregationen vor der Einmischung weltlicher oder kirchlicher Herren zu schützen. Die einflussreichste davon ist die Kongregation der Heiligen Justina in Italien, später die Cassinensische Kongregation genannt. Sie bleibt viele Jahrhunderte lang ein Modell, das andere Kongregationen kopieren. Neue Formen des persönlichen Gebets und der Meditation werden nun in das Leben der Mönche eingeführt, um das Stundengebet und die Lectio. Ein neuer Schwerpunkt auf den persönlichen Bedürfnissen des einzelnen Mönchs führt auch zur Einführung von Zellen, die die bis dahin genutzten Schlafsäle ersetzen.
Turbulenzen und Wiedergeburt
Die sogenannte Reformation im 16. Jahrhundert wendet sich gegen das religiöse und monastische Leben jeglicher Art. Protestantische Herrscher nutzen theologische Rechtfertigungen, um die Klöster zu unterdrücken und deren Besitz zu konfiszieren. Einige Äbte und Mönche werden getötet, andere ziehen sich einfach aus dem Klosterleben zurück, kehren zu ihren Familien zurück oder nehmen Pfarreien an. In England, Norddeutschland, den Niederlanden und Skandinavien verschwindet das Klosterleben.
In katholischen Ländern jedoch beginnt das benediktinische Mönchtum wieder aufzublühen. Benediktinerabteien werden im prächtigen Barockstil wiederaufgebaut, und viele Klöster werden zu Zentren der Gelehrsamkeit, Kultur und Bildung. Und zum ersten Mal geht das benediktinische Leben über Europa hinaus, als die ersten Abteien der Neuen Welt in Brasilien gegründet werden.
Im 18. Jahrhundert bedrohen neue philosophische und politische Strömungen das Mönchtum. Der Glaube gerät unter Beschuss, und Klöster werden als nutzlose Orte des Aberglaubens und der Rückständigkeit angesehen. In den Jahrzehnten nach 1760 werden mehr als 95 % der Klöster in Europa von Regierungen unterdrückt oder im Zuge von Revolutionen und Kriegen zerstört. Kirchen werden zu Fabriken umfunktioniert, Gebäude als Steinbrüche genutzt, Land und Schätze konfisziert, Bücher zerstört oder an neue Nationalbibliotheken geschickt.
Doch das Mönchtum weigert sich zu sterben. Mitte des 19 . Jahrhundert findet eine romantische Wiederentdeckung des mittelalterlichen Christentums und des Klosterlebens statt. In mehreren Ländern werden alte Klöster neu gegründet oder neue Gemeinschaften geschaffen. Das Klosterleben ändert sich: Die Gemeinschaften können sich nicht mehr auf reiche Stiftungen verlassen. Die Mönche arbeiten nun für ihren Lebensunterhalt. Die Äbte sind keine Herren mehr und leben viel enger mit ihren Brüdern zusammen. Diese Klöster erfüllen wichtige Aufgaben in der Kirche, indem sie große Seminare und Schulen, manchmal auch Pfarreien oder Auslandsmissionen betreiben. Da die Benediktiner immer noch keine zentrale Organisation haben, gründet Papst Leo XIII. ein Studienhaus in Rom und schafft 1893 die Benediktinerkonföderation mit einem Abtprimas an der Spitze. Benediktinische Gelehrte entdecken das liturgische Leben der frühen Kirche wieder. Sie beeinflussen die Liturgische Bewegung, die die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils vorbereitet:
Die meisten Gemeinschaften beginnen, in der Volkssprache zu singen, nicht mehr in Latein. Und die Unterscheidung zwischen Priestern und Brüdern verschwindet. Die meisten Klöster ziehen weiterhin Christen an, die eine ruhige Zeit im Gebet verbringen, spirituellen Rat suchen oder einfach nur für einige Tage mit den Mönchen zusammenleben möchten.
Eine weltweite Familie
Im Jahr 2018 zählt die Benediktinerkonföderation rund 7.500 Mönche in 400 Klöstern, die zu 19 verschiedenen Kongregationen gehören, mit regionalen Unterschieden, besonderen Missionen oder spezifischen spirituellen Traditionen. Rund 13.000 Nonnen und Schwestern gehören ebenfalls dem Orden an. Die Benediktiner arbeiten eng mit den Zisterziensern und Trappisten zusammen, Orden, die ebenfalls der Regel des Heiligen Benedikt folgen. Diese Regel hat sich über 15 Jahrhunderte hinweg als Leitfaden für unzählige Seelen erwiesen.
