Notizen vom Aventin | Januar-Februar 2026

Abtprimas Jeremias kommt nachdenklich aus dem Heiligen Land zurück, denkt über die große Welt und kleine Welten nach und plant seine Fastenlektüre.

Photos courtesy of Dormition Abbey

21 Februar 2026

In meiner Heimat ist der Karneval ziemlich wichtig; in Rom spielt er keine Rolle und auch im Heiligen Land, wo ich das letzte Wochenende verbracht habe, scheint der Valentinstag religionsübergreifend wichtiger zu sein als unsere katholischen Vorfastenbräuche. Meine Tage in Israel waren intensiv. Es gab Begegnungen mit den sieben benediktinischen Gemeinschaften und den befreundeten Trappisten. Fünf Klöster haben einen französischen Hintergrund, zwei einen deutschen, dazu kommen noch die Benediktinerinnen aus den Philippinen – man verständigt sich also Englisch und Französisch. Alle Gemeinschaften sind eher klein, zwischen 3 und 13 Mitgliedern. Alle rekrutieren aus dem Ausland. Die Brüder und Schwestern sind entweder Pilger und Suchende, die im Heiligen Land Wurzeln geschlagen haben, oft mit abenteuerlichen Biographien, oder sie wurden aus Klöstern in Europa, Afrika oder Asien entsandt. Ökonomisch hängen die meisten Gemeinschaften von Touristen und Pilgern ab; die Klosterläden spielen eine große Rolle. Alle beschäftigen einheimische arabischsprachige Christen, und helfen so der christliche Minderheit überleben.

Die schrecklichen Ereignisse der letzten Jahre – der Überfall vom 7. Oktober 2023, der trotz Waffenstillstand weiter schwelende Gaza-Krieg, der Irankonflikt und gewaltige innere Spannungen – liegen bleischwer über der Atmosphäre im Land, eine vergiftete Normalität. Aber in der Grabeskirche zeigte mir Abt Nikodemus Schnabel auch ein Hoffnungszeichen: inzwischen ist die jahrhundertelang aufgeschobene Renovierung endlich in Gang gekommen, und die so oft zerstrittenen Konfessionen haben es geschafft, in erstaunlicher Einmütigkeit ein großes und ehrgeiziges Projekt auf den Weg zu bringen. Im Angesicht der blutigen Konflikte konnten sich die Christen aufs Gemeinsame besinnen. Die Zeit der “prügelnden Mönche” scheint vorbei.
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In den letzten Jahren war unser Haus hier in Sant’Anselmo immer gut gefüllt. Im Laufe des Frühjahrs klärt sich, wer das Haus verlässt und wieviel freue Plätze wir fürs nächste Studienjahr haben werden. Alle Äbte, die überlegen, jemanden ab dem Wintersemester 2026/27 nach Sant’Anselmo zu schicken, möchten wir bitten, bis Ende März eine Nachricht an unseren Prior zu schicken (priore@anselmianum.com), damit wir planen können. Es gibt auch - einige wenige - Stipendien. Auch für die ist der Bewerbungsschluss der 31. März.

Besonders hinweisen möchte ich auch noch auf unsere beiden englischsprachigen Sommerkurse: Monastic Aggiornamento - ein Sabbatzeit-Programm für Benediktiner und Benediktinerinnen vom 5.-25. Juli. Außerdem gibt es die “Sommerschule für Oblaten”, vom 4.-24. Juli. Mehr Informationen gibt es auf unserer Webseite.
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Vor ein paar Tagen schrieb mir ein Mitbruder: “Ich bin dankbar und froh, wenn jemand Kunst und Schönheit wertschätzt. Das hilft uns, unsere kleinen Welten zu retten. Und viele andere, die wir vielleicht gar nicht kennen.”

Die Rede von der Kleinen Welt hat mich zum Nachdenken gebracht. In Israel waren die großen Themen der Weltpolitik allgegenwärtig. Am Mittwoch empfingen wir dann Papst Leo zum traditionellen Aschermittwochsgottesdienst auf dem Aventin, und an diesem ersten Samstag der Fastenzeit tagt traditionell die Benediktinische Chinakommission, die sich unter anderem auch mit Großmachtpolitik beschäftigen muss. Das klingt alles nicht so klein. Aber wenn man näher hinschaut, dann sind es eben doch die kleinen, bescheidenen, sogar demütigen Relitäten, um die es bei uns geht. Da sind die kleinen, oft fragilen Gemeinschaften im Heiligen Land. Und auch unsere chinesischen Häuser wirken eher im Verbogenen – nicht unbedingt stolze Stadt auf dem Berg, aber vielleicht doch Salz der Erde? Bedrückend sind die jüngsten Nachrichten aus Kuba. Das Land wird ökonomisch stranguliert. Leidtragend sind auch die Benediktiner, aber das Zeugnis ihrer Präsenz wirkt.

Dieser Tage traf ich einen alten Studienfreund, der später Professor wurde und nun kurz vor der Emeritierung steht. Er sprach über seine Studenten wohlwollend-ironisch aber auch etwas distanziert: “die sind eine andere Spezies!” Er machte das am digitalen Lern- und Arbeitsstil fest. Ich weiß, was er meint, und erlebe gleichzeitig auch mich selber recht zerrissen: bekennender Bücherliebhaber, und zugleich Opfer der Bildschirme, die viel mehr meiner täglichen Arbeits- und Lesezeit beanspruchen als mir lieb ist. Der heilige Benedikt hat die Fastenobservanz ja weitgehend ins Ermessen des Einzelnen gestellt. Die Fastenlektüre aber hat er kommunitär organisiert und die Zuteilung dem Abt anvertraut. Das wird in unseren Klöstern unterschiedlich gehandhabt, wie ja fast alles, aber ich finden den Hinweis aufs reale Buch doch eine sehr gute Empfehlung, der ich dieses Jahr treu folgen will.* Das ist eine Art und Weise, die kleine Welt unserer Seele zu kultivieren.

Und dann sind da natürlich unsere Klöster, auch kleine Welten. Seit einem Jahr arbeiten wir intensiv an der Vorbereitung des Benediktinischen Jubiläums 2029 – 1500 Jahre seit der Gründung von Montecassino. In rund vier Wochen, zum Fest des Heiligen Benedikt im März, wollen wir die Webseite freischalten, über die die Jubiläumsinitiaven auf der ganzen Welt stimuliert und gebündelt werden sollen. Das Motto lautet “Orte der Hoffnung seit 529”. Dass sich im Kleinen das Große spiegelt, ist sehr benediktinisch: der Kosmos in der Anlage unserer Klöster, Kreuzgänge und Gärten, der Globus in der Vision Benedikts, die Liebe Gottes in unserer zugewandten Mitbrüderlichkeit, und die ewige Hoffnung in einer Lebensfreude, die auf Ostern zugeht.

Das wünsche ich Ihnen allen aus Rom und bin in herzlicher Verbundenheit

Ihr

Jeremias Schröder OSB,
Abtprimas

*Wen’s interessiert: das Buch von Richard Southern über Anselm von Canterbury (oder “von Aosta”, wie er in Italien heisst), ein Vierteljahrhundert alt aber immer noch nicht überholt.

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